Die Sache mit den Treppen

 

Im Laufe der Jahre hatte ich zweimal ganz besondere Gäste.

 

Der eine war Anfang 90, der andere sogar Mitte 90. Sie kannten sich nicht und waren viele Jahre auseinander bei mir Gast, hatten aber erstaunlich viel gemeinsam.

 

Beide blieben ungefähr eine Woche bei uns.

 

Und beide beeindruckten mich vom ersten Tag an.

 

Nicht nur, weil sie für ihr Alter erstaunlich fit waren, sondern auch durch ihre natürliche Freundlichkeit und Höflichkeit. Eine Höflichkeit, die ganz selbstverständlich wirkte und nie aufgesetzt.

 

Was mich allerdings fast noch mehr erstaunte, war etwas anderes.

 

Unsere Außentreppe.

 

Während manche deutlich jüngeren Gäste oben erst einmal tief durchatmen müssen, gingen die beiden Herren die vielen Stufen ganz selbstverständlich hinauf. Ohne Pause. Ohne Klagen. Ohne überhaupt ein Wort darüber zu verlieren.

 

Irgendwann fragte ich einen der beiden vorsichtig, ob ihm die Treppen denn gar nichts ausmachen würden.

 

Er lächelte freundlich und antwortete ganz selbstverständlich, dass er zu Hause ebenfalls jeden Tag mehrere Stockwerke laufe. Das gehöre einfach zu seinem Alltag. Mit über 90 Jahren.

 

Dann sagte er noch etwas, das mir bis heute in Erinnerung geblieben ist.

 

Sinngemäß meinte er: „Wenn da Treppen sind, dann geht man sie eben.“

 

Mehr nicht.

 

Keine Beschwerde. Keine Diskussion. Keine große Erklärung. Einfach eine schlichte Selbstverständlichkeit.

 

Immer wenn ich heute an diese beiden Herren denke, muss ich lächeln. Sie haben mir ganz nebenbei gezeigt, dass man manche Dinge im Leben vielleicht nicht verändern kann.

 

Aber manchmal genügt schon eine andere Haltung, damit sie plötzlich gar nicht mehr so schwer erscheinen.